Felix Matthes gilt als einer der Wegbereiter bei erneuerbaren Energien. Bereits Mitte der 1990er-Jahre beschäftigt er sich am Öko-Institut mit Entwürfen zur Umgestaltung unseres Energiesektors sowie zur Preisfestlegung von CO2. Er genießt auch auf globaler Ebene schon lange Jahre lang das Vertrauen als Beratungsexperte. Seine Meinungen zum Programm der schwarzen-rot-governierten Koalitionsregierung im Bereich Energiestrategie und Klimaschutz reichen vom „unverzichtbar und zielführend“ bis hin zum „nicht durchführbar“.
Herr Matthes, was denken Sie über den Abschnitt "Energie und Klimaschutz" im Koalitionsabkommen?
Zum einen gibt es Aspekte, die sowohl erforderlich als auch sinnvoll sind - beispielsweise die Entlastung bezüglich Stromkosten, die Digitale Transformation sowie verschiedene Maßnahmen zur Steigerung von Effizienz und Geschwindigkeit hin zu einem Marktpreismarkt. In einer zweiten Gruppe befinden sich Elemente, welche ich als illusorisch einschätze. Hierzu gehören Pläne, Reservestevermögen zur Senkung der Energiestrompreise heranzuziehen und gleichzeitig innerhalb kurzer Zeit bis zu 20 Gigawatt Erdgas-Kraftwerke aufzubauen. Diese Vorhaben werden letztendlich durch das Europarecht infrage gestellt. Dann gibt es ferner Punkte, die eindeutige Rückgänge darstellen, so zum Beispiel der Vorschlag zur Aufhebung des Wärmetransportgesetzes. Darüber hinaus finden sich punktuell Themen im Bereich der Neutralität oder Unsicherheit. Zum einen erweisen sich vorsichtige Erklärungen über den Hochbetrieb von Wasserdampf als weniger prägnant, und anderseits könnte die Berücksichtigung internationaler CO₂-Scheine für die Messung der Treibhausgasminderung gefährliche Spielerei sein.
Was macht das eigentlich so gefährlich?
Dieses Problem ist bereits zweimal katastrophal aufgetreten. Vor 15 Jahren haben wir im Rahmen des europäischen Emissionshandels für Energierzeuger und Industrie versucht, sinnlose chinesische emissionsrelevante Zertifikate zu nutzen. Im vergangenen Jahrzehnt hat sich ein ähnliches Muster auch bei dem deutschen System zur Begrenzung von Treibhausgaskonzentrationen wiederholt. Nun möchte man laut geplanter Sprache „von hoher Qualität“ geeignete Partner identifizieren. Mich beschäftigt diese Haltung sehr stark.
Wir sollten die Stromkosten deutlich enger an den Gaspreisen ausrichten.
Felix Matthes, der Energetik-Experte vom Öko-Institut
Inwiefern werden Verbraucher die Auswirkungen der Abkommen im schwarz-roten Vertrag bemerken?
Der Strom wird preiswerter. Gleichzeitig steigen die Kosten für Kraftstoffe, Erdgas und Heizöl, da der Handel mit CO₂-Zertifikaten nun auch auf Transportmittel und den Hauswartungsbereich im gesamten europäischen Raum ausgedehnt wurde. Der Prozess der industriellen Umstellung ist lediglich zum Teil abgestimmt. Darüber hinaus bleibt das großflächige Spektrum an energetisch intensiven Kleinbetrieben, beginnend vom Friseurgeschäft, weitgehend unberücksichtigt. Dies führt zu einer beträchtlichen Beeinträchtigung der Zustimmung zur Energiepolitik sowohl seitens der Regierungen als auch bezüglich der Energiewandelstrategien.
Wie können wir der Vorsitzenden des Frisörschafts helfen?
Die Kosten für elektrische Energie sind merklich gesunken. Gleichzeitig stehen wir vor einem System, bei dem die Preise für Strom erhebliche Schwankungen aufweisen werden. Es ist wichtig, dass sowohl Handwerksbetriebe als auch mittlere und kleine Unternehmen Gelegenheit erhalten, sich darauf einzustellen. Hierbei handelt es sich oft um technisch komplexe Fragen wie die Implementierung dynamischer Netzgebühren, durch welche Stromausgaben effizient reduziert werden können. Die Stromkosten müssten stärker angepasst werden, um ihrem Preisniveau dem des Erdgases anzunähern. Dies würde die Anziehungskraft von Wärmepumpen und Elektrofahrzeugen signifikant erhöhen. Darüber hinaus sollte man Kleinunternehmen unterstützen, die beträchtlichen finanziellen Aufwand für umweltfreundliche Maßnahmen tragen müssen.
Aber sollten wir bei all dem nicht auch jene Menschen im Auge behalten, die ohne viel Geld in undichtem Wohnraum leben?
Ja, wir müssen Verteilungsfragen beantworten. Für sozial differenzierte Anpassungshilfen muss es mehr Geld geben. Klar ist auch, dass wir die im EU-Vergleich hohen Preise für Wärmepumpen runterkriegen müssen. Und bei der energetischen Sanierung muss es Zwischenlösungen geben, also nicht immer nur die maximale Dämmung. Fernwärme kann da eine wichtige Rolle spielen. Auch können Wärmepumpen vielfach sehr attraktiv werden, wenn Strom billiger wird.
Ist das ausreichend für die alten Gebäude, die häufig in ländlichen Gebieten von Rentnern mit begrenztem Budget bewohnt werden?
Zu den Tatsachen gehört: In Zukunft wird es kostspieliger werden, ein großes, nicht isoliertes Haus nur von einer Person bewohnt zu haben. Dies hängt jedoch auch mit der Wohnungspolitik zusammen, die mehr Spielraum zur Anpassung des Wohnraums benötigt – besonders für ältere Einzelhaushalte.
Um intensive Diskussionen wird es, da Schwarz-Rot vorhat, große Gaskraftwerke zu errichten. Ist diese Kritik gerechtfertigt?
In den kommenden Jahren werden Kohlekraftwerken mit einer Gesamtleistung von mehr als 20 Gigawatt vom Netz genommen. Dies stellt uns vor die Aufgabe, eine sichere Energieversorgung sicherzustellen. Ein System, das stark auf Solarenergie und Windkraft setzt, benötigt jedoch weiterhin Backup-Optionen – hier kommen Gasförderversionen ins Spiel. Diese erzeugen fast keine CO₂-Emissionen. Angesichts des begrenzten Betriebszeitraums zukünftiger Kraftwerksstunden könnten diese sogar mit kostspieligem Wasserstoff betrieben werden.
Matthes: „Eher lieber etwas zu viele Gigawatt-Gaskraftwerke als eine Debatte über die Energielieferunsicherheit.“
Umweltschützer, Klimalobbyisten und Mitglieder der Grünen fürchten einen Rückschlag hin zur Nutzung von fossilen Energien.
In meinem Standpunkt weicht ich von vielen Umweltorganisationen ab: Es ist falsch anzunehmen, dass es immens große Emissionen vor uns gibt. Aus diesem Grund halte ich es für besser, etwas mehr an Gas-Kraftwerken hinzuzufügen, statt eine Auseinandersetzung über Energiesicherheit zu riskieren, die möglicherweise zu problematischen Maßnahmen wie dem Fördern von Kohlestrom führt. Diese Art von Druckgruppen wurden bereits während des Streits um den Betriebszeitraum unserer Atomenergieanlagen bemerkbar. Tatsächlich schlage ich vor, dass wir bereit sein sollten, zusätzliche Gaskraftwerkskapazitäten im Bereich von bis zu 30 Gigawatt einzurichten.
Ist die Finanzierung dieser großen Kapazitäten mittels Steuermitteln nicht extrem kostspielig, wenn sie lediglich zur sofortigen Verfügung stehen sollen?
Nein. Unter all den notwendigen Maßnahmen im Energiesektor ist diese definitiv die kosteneffizienteste. Die Gasturbinen haben vergleichsweise geringe Anschaffungskosten. Wichtiger sind jedoch die laufenden Betriebsspesen. Bei einer Kapazität von 30 Gigawatt nehmen die Investitionsausgaben lediglich eine kleine Einprozentigkeit der Gesamtkosten des Energiemanagements ein. Jemand, der hier enorme Investitionskosten für Gaserzeugungsanlagen ins Gespräch bringt – wie es aktuell einige Umweltschutzorganisationen tun – dieser Person fehlt schlichtweg die fundierte Rechnerei.
Wenn die schwarze-rote Regierungregierungscoalition auch noch das kostspielige Verfahren zur Entfernung und Lagerung des Kohlendioxids (CCS) aus den Emissionsen der Gasturbine-Gasfabriken Kraftwerks ableisten muss, wie sie im Zusammenkunftsprotokoll ihrer Vereinbarungen verankert ist?
Wenn man eine CCS-Anlage an ein Gaskraftwerk anschließt, kann dies zu einem Verdopplung der Investitions-Kosten führen und auch die laufenden Kosten würden erheblich ansteigen. Daher ist CCS bei Kraftwerken mit geringfügiger Nutzungsentwicklung keine realistische Option. Es wäre nur rentabel, wenn diese Anlagen mehr als 3000 Stunden im Jahr betrieben werden – was höchst selten vorkommt. In Zukunft wird es vernünftiger sein, den Betrieb mit Wasserstoff durchzuführen. Die Diskussion um CCS beinhaltet oft viele Spekulationen. Diese Technologie benötigt man eigentlich nur für den Bau von Zement und Kalk sowie für bestimmte Industrieprozessen, Müllverbrennungsanlagen und zur Erreichung negativer Emissionen, wodurch etwa die verbleibenden Emissionen aus der Landwirtschaft ausgeglichen werden könnten.
Ist die Verwendung von Reservespeicherkraftwerken als Preisbeeinflusser eine schleiche Idee?
Dies ist einer der umstrittensten Vorschläge in den vergangenen Jahren. Darauf sind sich selbst Experten verschiedener Lager einig – unabhängig davon, auf welche Seite sie stehen mögen. Bisher wurden diese Einrichtungen unter dem Namen „Never-come-back-Kraftwerke“ bezeichnet und sollten jetzt aktiviert werden, sobald die Strompreise ansteigen. Dies würde sämtliche Geschäftskonzepte für Energiespeichersysteme überdenken, von denen wir dringend profitieren könnten. Darüber hinaus zeugen diese Kraftwerke noch vom Alter, verursachen einen erheblichen Kohlendioxidausbau und benötigten massive Subventionszahlungen. Zudem wird es im Elektrizitätssektor notwendig sein, Preisunterschiede zu schaffen, die momentane Mangelphänomene anzeigen. Schließlich widerspricht auch die Europäische Strommarktvorschrift eine solche Verwendung dieser sogenannten Never-come-back-Anlagen.
Derzeit sorgen sogenannte Solarspitzen für viel Aufregung – also die enormen Überschüsse an Sonnenstrom zur Mittagszeit. Wurde dies hinreichend im Koalitionsvertrag berücksichtigt?
Es gibt Handlungsbedarf, da es an Flexibilität im System mangelt. Die Antwort kann aber nicht sein, den Ausbau der Solarenergie zu stoppen. Das Problem wäre gelöst, wenn regionale Netzbetreiber auf Solaranlagen und Batteriespeicher zugreifen könnten. Ähnlich ist die Diskussion beim Offshore-Wind: Ja, es wird teuer, die letzten 20 GW auf den dafür zulässigen deutschen Flächen im Meer auszubauen. Die Antwort kann aber nur lauten: Wir verhandeln mit Dänemark, das enorm große Areale für die günstige Erzeugung von Windstrom zur Verfügung hat. Jetzt einen Gang rauszunehmen, wie es die Koalition vorschlägt, ist nicht zielführend.